• Der Begriff Motivation bezieht sich auf Prozesse und Phänomene, die mit dem Setzen von Zielen aufgrund deren Wünschbarkeit und Realisierbarkeit zu tun haben. Motivationale Prozesse dominieren in der prädezisionalen und in der postaktionalen Handlungsphase des Rubikon-Modells. Der Begriff Volition bezieht sich dagegen auf Prozesse und Phänomene, die mit der konkreten Realisierung von Zielen im Handeln zu tun haben. Volitionale Prozesse finden in der präaktionalen und in der aktionalen Handlungsphase statt.
• Die verschiedenen Handlungsphasen des Rubikon-Modells differenzieren vier eigenständige Phänomene zielorientierten Verhaltens: Abwägen, Planen, Handeln und Bewerten. Da jedes dieser Phänomene die Bearbeitung einer jeweils anderen Aufgabe impliziert, entstehen verschiedene Bewusstseinslagen, wenn die Lösung dieser Aufgaben in Angriff genommen wird. Die kognitiven Merkmale dieser Bewusstseinslagen lassen sich durch detaillierte Analysen der jeweiligen konkreten Aufgabenanforderungen spezifizieren. So beinhaltet die abwägende Bewusstseinslage eine Offenheit für eine objektive Verarbeitung aller Informationen hinsichtlich der potenziellen Konsequenzen eines Handlungsergebnisses (Wünschbarkeit) sowie der Realisierbarkeit der zur Debatte stehenden Wünsche (Durchführbarkeit). Die kognitive Orientierung der planenden Bewusstseinslage soll gewährleisten, dass bevorzugt Informationen aufgenommen werden, die den Beginn zielrealisierenden Verhaltens begünstigen, so dass ein Aufschub der Zielrealisierung vermieden wird. Die aktionale Bewusstseinslage begünstigt die Beachtung nur derjenigen Aspekte des Selbst und der Umgebung, die den Handlungsablauf unterstützen. Aspekte, die zu Unterbrechungen des Handlungsablaufs wie beispielsweise selbst reflektierende Gedanken, konkurrierende Ziele oder ablenkende Umweltreize führen könnten, werden dagegen ignoriert. In der bewertenden Bewusstseinslage ist die kognitive Orientierung so ausgerichtet, dass möglichst objektiv und genau das erreichte Handlungsergebnis bewertet wird. Es erfolgt in diesem Sinne ein Vergleich zwischen dem, was erreicht (Handlungsergebnis) und dem, was erhalten wurde (Konsequenz des Handlungsergebnisses), sowie dem, was ursprünglich an Konsequenzen erwartet bzw. beabsichtigt worden war.
• In der abwägenden Bewusstseinslage drehen sich die Gedanken eines Handelnden stärker um das Abwägen von Handlungsalternativen als in der planenden Bewusstseinslage. Genauso werden Informationen, die mit dem Abwägen von Alternativen assoziiert sind besser erinnert als Informationen, die mit dem Planen von zielfördernden Handlungen in Verbindung stehen. In der planenden Bewusstseinslage macht sich ein Handelnder mehr Gedanken, die mit dem Planen zielfördernder Verhaltensweisen als mit dem Abwägen zu tun haben. Gleichzeitig erinnert er auch Informationen, die mit dem Planen von Handlungen zu tun haben besser als Informationen, die mit dem Abwägen von Handlungsalternativen zu tun haben.
• Empirische Befunde konnten zeigen, dass die abwägende Bewusstseinslage dazu führt, dass man sich eher von Informationen ablenken lässt, die für die Realisierung von Zielen irrelevant sind. Das ist in Übereinstimmung mit der Beobachtung, dass eine abwägende Bewusstseinslage mit einer peripheren Aufmerksamkeitsverteilung einhergeht. Umgekehrtes gilt für die planende Bewusstseinslage: Hier werden hauptsächlich Informationen verarbeitet, die für die Realisierung eines Ziels relevant sind und es findet eine Fokussierung der Aufmerksamkeit statt.
• Die planende Bewusstseinslage geht im Vergleich zur abwägenden Bewusstseinslage mit einem gesteigerten Optimismus hinsichtlich des eigenen Einflusses auf erwünschte Handlungsergebnisse sowie dem Vorziehen von schwierigen Aufgaben einher. Weiterhin führt die planende Bewusstseinslage dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu handeln, höher eingeschätzt wird als in der abwägenden Bewusstseinslage.
• Als Moderatoren für die Effekte der abwägenden und der planenden Bewusstseinslage haben sich das Selbstkonzept, der Kontext von Beziehungen und der tatsächliche Vergleich mit konkurrierenden Personen herausgestellt. Das Selbstkonzept bewirkt in Interaktion mit der jeweiligen Bewusstseinslage unterschiedliche Effekte auf die Verarbeitung von diagnostischen Informationen unterschiedlicher Valenz. Die Auswir- kung der Bewusstseinslage auf die Einschätzung des eigenen Partners hängen vom jeweiligen Kontext und Commitment auf die Partnerschaft ab. Die Beurteilung der eigenen Leistungsfähigkeit im Vergleich zu anderen Personen hängt von der jeweiligen Bewusstseinslage und davon ab, inwiefern wirklich eine direkte Konfrontation mit diesen Personen stattfinden wird oder nicht.
• Grundsätzlich gilt, dass die Induktion einer Bewusstseinslage natürlich nicht zu einer permanenten Beeinflussung der Informationsverarbeitung und der Selbsteinschätzung führt; die Wirkungen beider Bewusstseinslagen kommen nach einer gewissen Zeit nicht mehr zum Tragen.
• Als bedeutsame Moderatoren der Vorsatzwirkung haben sich die Schwierigkeit der Initiierung zielfördernden Verhaltens, das Commitment auf die Zielintention und auf den Vorsatz sowie die Aktivierung der Zielintention erwiesen.
• Suppressionsvorsätze haben sich bei der Unterdrückung spontaner Aufmerksamkeitsreaktionen, bei der Kontrolle stereotyper und vorurteilshafter Reaktionen, sowie bei der Kontrolle reflexhaft negativer emotionaler Reaktionen als wirksam erwiesen.
• Mithilfe von Vorsätzen wurden sowohl negative Effekte von Unvollständigkeitserleben hinsichtlich einer erwünschten Identität, als auch negative Effekte einer verminderten Selbstregulationskapazität überwunden.
• Die potenziellen Kosten der Handlungskontrolle können folgendermaßen zusammengefasst werden:
o Vorsätze führen nicht zu rigidem Handeln (z. B. bei der Kontrolle von Vorurteilen, Leistung bei Wahlaufgaben),
o Vorsätze führen nicht zu einer verminderten Selbstregulierungskapazität (z. B. kein Absinken der Leistung nach Kontrolle von Emotionen durch Vorsätze),
o Vorsätze führen nicht zu Rebound-Effekten (z. B. bei der Kontrolle stereotypen Denkens).
• Die Betrachtung der Motivation im Handlungsverlauf erlaubt es zwischen Phänomenen der Zielsetzung (Motivation) und Zielrealisierung (Volition) zu unterscheiden. Während bislang die Analyse der dabei auftretenden kognitiven Orientierung im Vordergrund stand (Bewusstseinslagenforschung), wird es in Zukunft darum gehen, herauszufinden, welche effektiven Selbstregulationsstrategien es einer Person erleichtern, die verschiedenen Aufgaben im Handlungsverlauf effektiv zu lösen. Ein Schritt in diese Richtung ist die Theorie der intentionalen Handlungssteuerung (Gollwitzer, 1993, 1999), die Vorsätze als effektive Strategie für das Lösen von Aufgaben identifiziert, die mit der Initiierung und dem Abschirmen von Zielhandlungen, dem rechtzeitigen Ablösen vom Zielstreben sowie dem Vermeiden einer Überforderung der Handlungskontrollkapazität beim Zielstreben zu tun haben. Zukünftige Forschung sollte versuchen, einerseits weitere effektive Selbstregulationsstrategien für die Lösung der genannten Probleme zu identifizieren; andererseits sollte die Suche nach effektiven Selbstregulationsstrategien auch auf weitere Handlungsphasen ausgeweitet werden. Für die prädezisionale Handlungsphase des Zielsetzens ist dies bereits geschehen. Die Theorie der Fantasierealisierung (Oettingen, 1996, 2000) spezifiziert verschiedene Strategien des Zielsetzens ( mentale Kontrastierung von erwünschter Zukunft und augenblicklicher Gegenwart, Schwelgen in der positiven Zukunft, Grübeln über die momentane negative Gegenwart), wobei nur die mentale Kontrastierung garantiert, dass Ziele im Einklang mit den wahrgenommenen Erfolgserwartungen gesetzt werden. Das heißt, dass weder überfordernde noch unterfordernde Ziele verfolgt werden, sondern solche, die das Handlungspotenzial der Person maximal ausschöpfen. Zukünftige Forschung zu effektiven Selbstregulationsstrategien sollte jedoch nicht nur die Handlungsphase des Zielsetzens beleuchten, sondern auch die Handlungsphase der Bewertung eines abgeschlossenen Zielstrebens. Auch hier dürften sich Selbstregulationsstrategien unterscheiden lassen, die für erfolgreiches nachfolgendes Zielstreben der Person mehr oder weniger förderlich sind. Das letztendliche Ziel dieser Forschung ist, Interventionsprogramme zu entwickeln, die darauf abzielen, Personen Handlungskontrollstrategien zu vermitteln, die es ihnen erlauben, die Probleme des Zielstrebens so wie sie in den verschiedenen Handlungsphasen auftreten, erfolgreicher zu lösen.